Hallo allerseits!
Neulich kam mir zu Ohren, dass ein Tiger im Normalfall etwa alle acht Tage jagen geht und bei Erfolg dann anschließend bis zu dreißig Kilo Fleisch vertilgt. Die nächste Woche hängt er dann im Wasserloch ab. Das ist ein nicht uninteressanter Lebensrhythmus, der dem des Menschen zumindest seit Beginn der Zivilisationen geradezu gegenläufig ist. In der Bibel für Tiger würde denn auch stehen: „Gott war. Am achten Tag bekam er Hunger und erschuf die Huftiere,“ während es bei uns immer heißt, Gott habe erstmal sechs Tage ordentlich was geschafft bzw. geschaffen. Allein um seinen Magen beneide ich den Tiger schon. Der tägliche Kampf um drei Mahlzeiten – eine davon warm – ist ihm völlig fremd. Von Löwen hörte ich ähnliches im Zusammenhang mit Flüssigkeitsaufnahme. Der Löwe kennt seine Wasserstelle genau, geht aber nur gelegentlich hin; dann säuft er erstmal zehn Liter Wasser. Das habe ich selbst zu meinen besten Zeiten nicht mal mit Bier geschafft!
Auch bin ich begeistert von dem tigerlichen Muskelapparat. Dieser benötigt keinerlei regelmäßiges Training, um in Form zu bleiben – und die Form, von der ich hier spreche, ist eine, die die meisten von uns nicht mal als Berufssportler erreichen könnten. Würde ich so leben, ich käme am achten Tag sogar noch schneller ins Schwitzen als ein Tiger, und einen Hirsch könnte ich garantiert spätestens dann nicht mehr fangen. Der Tiger funktioniert eben einfach so, er muss nicht an sich arbeiten. Ich vermute, dass er auch wenig mit Neurosen zu kämpfen hat (außer, er ist im Zoo). Nie nahm ein Tiger teil an einem Kommunikationstraining für Paare oder einem Selbstbehauptungskurs.
Nun ist so eine Hirschjagd beileibe kein Zuckerschlecken: Man muss Opfer suchen, sich dann anschleichen, langsam, äußerst geduldig, Zentimeter für Zentimeter näher vorrücken, dabei immer die Windrichtung kalkulieren, schließlich aus dem Unterholz hervorspringen, einige Meter rennen, so schnell die Beine tragen, dann ein Tier, das schließlich auch nicht gerade klein ist und um sein Leben kämpft, niederringen und mit bloßem Maul totbeißen. Meist ist die Jagd erfolglos. Daher heißt es dann: Nochmal von vorn. Neues Opfer suchen usw. Und so ein Tiger wird ausgesprochen schnell müde, das darf man dabei nicht vergessen! (Vielleicht dann eben doch eine kleine Folge des ewigen Herumhängens.) Der Verzehr von dreißig Kilo rohem Fleisch ist an und für sich auch nicht das, was ich mir kulinarisch erträume. Aber dann! Dann ist Ruhe, nichts als Ruhe. Man schwitzt so vor sich hin, (Tiger kommen mit Hitze offenbar schlechter klar, als gemeinhin angenommen – man legt daher eine sibirische Herkunft nahe), legt sich ins Wasserloch und döst so vor sich hin. Gelegentlich gilt es, Wasserloch-Konkurrenten zu vertreiben, was im Grunde unproblematisch ist, da alle anderen panische Angst vor einem haben. Mitunter kommt es vielleicht zu Territorialkämpfen mit Artgenossen, das ist unangenehm, kann einem mit etwas Glück aber auch erspart bleiben. Wären nur noch die hormonell bedingten Sturm-und-Drang-Phasen zu erwähnen, die aber – im Gegensatz zu denen von uns Menschen – zeitlich befristet sind und deren Stresspotential daher auch überschaubar bleibt.
Aus purem Neid hat der Mensch mit seiner perfiden Werkzeugmacherei dem wohligen Treiben der Tiger einen Riegel vorgeschoben. Wo kommen wir denn dahin, wenn einer nur alle acht Tage zur Arbeit geht? Wer so vorgeht, verliert seinen Arbeitsplatz schneller, als Hirsche laufen können. Und das in Indien! Man stelle sich vor, die Tiger wären beispielsweise in Deutschland beheimatet. Ich denke, sie wären schon vor so langer Zeit ausgestorben, dass man sich ihrer nur noch in Form von Mythen erinnern würde, deren Wahrheitsgehalt niemand mehr ernsthaft in Betracht zöge. Bei Menschen späterer Generationen könnte das nun auch so kommen, vor allem sicherlich deswegen, weil Indien neuerdings in der globalen Stressgesellschaft mitspielen will. Ich finde das schade, denn diese unsere Nachfahren werden dann keine Möglichkeit mehr haben, sich von diesem erstaunlichen Tier inspirieren zu lassen. Wir dagegen haben noch die Chance, unsere Lebensweise Stück für Stück der der Tiger anzunähern. Die derzeit laufende Forschung mit versteckten Kameras (an der ich mich nicht beteiligen möchte, da ich keine Lust habe, mitten im Tigergebiet Kameras zu verstecken) wird uns hoffentlich noch viele konkrete Strategien des Müßiggangs zeigen, die wir dann nachzuahmen versuchen können.
Ich freue mich auf diese Filme.
Müller

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