Wann ist ein Lied ein Lied?

Kaum ist ein Album veröffentlicht, arbeitet eine fleißige und inspirierte Band am nächsten. So auch wir: Nachdem wir es schon geschafft hatten, die Hälfte des von mir ersonnenen Materials einzustudieren, trafen wir uns erst gestern wieder, um ein weiteres Stück zu erarbeiten. Da meine Mitstreiter so versierte und ausgebuffte Profis sind, war das dann in der Tat alles andere als abendfüllend, so dass wir uns dann gleich noch an zwei weitere meiner Kompositionen gemacht haben. Sieht so aus, als wären dreiviertel des kommenden Albums schon zumindest grob geprobt, und das, obwohl wir schon zwei Stücke, die wir schon drauf hatten, wieder aussortiert haben. Manchmal geht es eben doch erfreulich schnell voran. Dann wieder gibt es Zeiten, in denen man sich fragt, wie man der Band all die Lieder, die man im Kopf respektive im Notizbuch hat, jemals beibringen soll. Es gibt natürlich noch eine Vielzahl an Kompositionen, die dann jeweils nicht ins Albumkonzept passen, so dass man sie gleich links liegen lässt oder für andere, speziellere Veröffentlichungen aufhebt. Derzeit sind das grob überschlagen etwa 15 bis 20 Stücke. Ab und zu winke ich einem davon zum Abschied zu und sage: „Es hat nicht sollen sein, schon fünf Jahre warten wir aufeinander und finden uns nicht. Wir sind wohl nicht füreinander bestimmt, also leb wohl.“ Dann geht das Stück ungehört in die ewigen Jagdgründe ein. Manche von diesen behalte ich trotzdem im Kopf, andere vergesse auch ich wieder. Es gibt ein paar Songs, die ich als Jugendlicher geschrieben und nie aufgenommen habe, an die ich mich noch heute erinnere. Es kommt vor, dass ich einen davon als Ohrwurm im Hirnkasten habe, oder ich blättere in alten Notizbüchern und erinnere mich.

In einem Song von The Divine Comedy heißt es: „A song isn`t a song, until it`s listened to.“ Mir stellt sich die Frage: Ist das die traurige Wahrheit? Dieser Frage möchte ich heute nachgehen und stelle folgendes fest: Jedes Lied muss mehrere Stufen erklimmen, bis es gehört wird. Was ist es vorher? Zuerst ist es eine Vision in meinem Kopf und eine grobe Notiz. Wie gesagt, einige dieser Visionen besitzen eine Art Ohrwurmcharakter, aber gehört hat sie niemand, nicht mal ich selbst. Handelt es sich in dieser Phase um ein Lied?

Anschließend wird der Song mit etwas Glück von der Band einstudiert. Er existiert nunmehr als grobe Notiz und als Vision in den Köpfen vierer Musiker. Reicht dies aus, um von einem Lied zu sprechen? Aufgenommen und somit konserviert wurde es schließlich noch nicht. Möglich ist allerdings auch eine Zwischenstufe, bevor die eigentliche dritte erreicht wird: Die Livepräsentation, die vor der Studioaufnahme kommt. Das machen wir immer wieder, genauso wie die meisten anderen Bands. Nun haben es schon andere Leute gehört, die weder mit Komposition noch mit Interpretation etwas zu tun hatten. Vielleicht summt der ein oder die andere es am nächsten Morgen beim Kaffeekochen.

Mit noch ein bisschen mehr Glück erreicht das Stück die dritte Stufe: Es wird aufgenommen. Allerdings heißt das noch lange nicht, dass es auch veröffentlicht wird. Wir haben auch schon Lieder aufgenommen, die wir nicht veröffentlicht haben, weil wir die Aufnahme nicht gut genug fanden oder es nicht ins aktuelle Albumkonzept passte. Ein interessantes Beispiel mag „Identität ersetzt Persönlichkeit“ sein, ein Stück, das ich etwa 2004 schrieb und aufnahm, auf dem 2005er Album „Der Mensch am Ende des Holozän“, für das es gedacht war, jedoch nicht veröffentlichte. Wir hatten es scheiße eingespielt. Erst im Zuge der Vorbereitungen für das übernächste Album beschäftigten wir uns erneut mit dem Stück und probierten einige vollkommen verschiedene Versionen und Arrangements aus. Eine davon klang ein bisschen nach ganz frühen The Cure. Am Ende hatte Meier die Idee, es mit einem geshuffleten Dreivierteltakt zu versehen. Nun fanden wir es viel besser und auch passender und veröffentlichten es. Ist es erst damit zu einem Lied nach der obigen Definition geworden? Oder war es vorher auch schon eins, oder gar mehrere, da es immer wieder völlig anders klang?

Die letzte Stufe jedenfalls, die ein Lied erreichen kann, ist das Gehörtwerden. Hier stellt sich nun die Frage: Wie viele Menschen müssen ein Lied gehört haben, damit es sich als solches bezeichnen lassen kann? Reicht die selbst kopierte und an Freunde verteilte CD, um die Existenz eines Liedes zu gewährleisten, oder muss es eine offizielle Veröffentlichung mit einer bestimmten Auflagenhöhe sein? Welche Rolle spielt das Label? Der Vertrieb? Die Chartposition? Die öffentliche Wiedergabe in Funk und Fernsehen?

Man weiß dies alles nicht. Musik ist eben ein höchst abstraktes Gut, das schwer zu fassen ist. Eigentlich ist sie gar nicht da. Musik existiert nur in den Köpfen von Menschen. Es gibt ja auch sogenannte amusische Menschen, die Musik nur als nervtötende Geräuschkulisse auffassen, so wie auch Tiere (wobei wir nicht wissen, ob sie die Geräusche nervtötend finden). Dies belegt, dass Musik im Kopf des Hörers stattfindet, angeregt durch die vom Musiker erzeugten Schallwellenkombinationen, die sich glücklicherweise heutzutage konservieren lassen. Insofern muss ich mich doch ernsthaft fragen, ob nicht auch eine Musik, die nur in meinem Kopf vorhanden und noch nie erklungen ist, doch auch schon genauso existenzberechtigt ist wie der Millionenseller von nebenan. Aber ich kann euch eines versichern: Über die Frage komme ich dabei nicht hinaus. Vielleicht habt ihr ja Antworten.

 

Ein Gedanke zu “Wann ist ein Lied ein Lied?

  1. Ich war gerade auf digitaler Schatzsuche, passt vom Prinzip zu Deinem Thema, allerdings geht es hier mehr um die Definition von “Klassikern” anstelle von “Liedern”.
    In der TK-Schatzkiste habe ich gewühlt und und habe mich für meine 5 Lieblingsklassiker entschieden (das war ziemlich schwer , ich schätze, meine Auswahl würde jeden Tag ein wenig variieren)
    http://dietrottelkacker.bandcamp.com/track/kunigunde
    http://dietrottelkacker.bandcamp.com/track/mr-m-ller
    http://dietrottelkacker.bandcamp.com/track/spritzgeb-ck
    http://dietrottelkacker.bandcamp.com/track/ich-bin-cool
    http://dietrottelkacker.bandcamp.com/track/auf-und-davon

    Die Schatzkiste: http://dietrottelkacker.bandcamp.com/

    viele Grüße
    jogi

Hinterlasse eine Antwort