Reise in die Stadt Loleks und Boleks

Vom 11. bis 14. Juli waren wir als Kulturabgesandte der Stadt Wolfsburg in der schönen schlesischen Stadt Bielsko-Biala, die eine der Partnerstädte unserer niedersächsischen Kleinmetropole ist. Und wir kommen ja alle mehr oder weniger aus Wolfsburg, wenngleich auch nur einer von uns noch immer nicht von dort weggekommen ist. Somit konnten wir uns schon als qualifiziert betrachten und wurden auch von städtischen Honoratioren für angemeseen befunden, Wolfsburger Kultur nach Polen zu tragen. Eine große Ehre, versteht sich, und wir waren auch stolz wie Bolle, sogar Meier.

meier stolz

Was wir gar nicht wussten, war aber, dass dort ein regelrechtes Partnerschaftsfestival stattfand, bei dem neben uns auch Gäste aus Rumänien, Serbien, Berlin und Tschechien auftraten (nebst unter Umständen noch weiteren, von denen ich dann gar nichts mitbekommen habe, wer will das schon so genau wissen?). Diese Idee ist nun zum Einen schon mal sowieso großartig, zum Anderen aber noch besser, wenn man die minutiöse Organisation und verschwenderische Gastfreundschaft der örtlichen Verantwortlichen einbezieht. Es fehlte uns an nichts, das kann ich schon mal vorausschicken. Uns ebenfalls unbekannt war bis dahin, dass die in unserer Kindheit so geschätzten Zeichentrickfiguren Lolek und Bolek, die in mir schon vor diversen Jahrzehnten eine gewisse Sympathie für Polen erzeugten, in eben dieser Stadt erfunden wurden. plate mit lolek und bolek

Ich will nun etwas (chrono)logischer fortfahren und einen komplett subjektiven Kurzbericht der Reise abfassen.
Los ging es mit von der Stadt Wolfsburg gestelltem Bulli samt Fahrer um sieben Uhr morgens, was bestialisch ist, aber aufgrund der langen Fahrtstrecke notwendig war. Zum Glück (was man nicht zum letzten Mal dachte) hatten wir als Faktotum und Roadie unseren alten Weggefährten Fritz dabei, dem es gelang, unser Equipement und uns selbst in dem an sich zu kleinen Transporter zu verstauen (außer der Bassdrum, die musste zuhause bleiben). Geradezu übertrieben klischeehaft muteten die ersten Eindrücke von Polen nach der Grenze an: Die Piste holprig und schier blasenzerfetzend für solche Bandmitglieder, die es so langsam aber sicher mal für angeraten gehalten hatten, mit dem Biertrinken anzufangen (schließlich war man ja auf Tour mit sowas wie einer Rockband), die von Fahrer Uli zielstrebig angesteuerte Raststätte ein desolates Stück Einöde, dessen beste Zeiten lange vergangen und auch nicht gerade rosig gewesen sein mochten. Immerhin eignete sich das Fleckchen für das geschulte Auge von Allrounder Fritz als Motiv einiger gelungener Fotos, die es vielleicht mal auf ein Cover schaffen, da der Arbeitstitel des kommenden Albums dazu ziemlich gut passen würde (dazu aber mehr in ein paar Jahren). die insel der glückseligkeit Und ich kaufte mir von den an Ort und Stelle eingetauschten Zloti erstmal ein Bier, um dann enttäuscht festzustellen, dass es sich um ein alkoholfreies handelte, um dann wieder aufzuatmen bei der Feststellung, dass man in Polen mit “alkoholfrei” ein Bier mit wenig Alkohol (1,1 %) meint.

Abends checkten wir im Hotel ein, ein etwa zwei Jahre altes Bauwerk außerhalb der Stadt, das an Modernität und Komfort keine wesentlichen Wünsche offen ließ. Nur eine etwas länger geöffnete Bar hätte nicht geschadet (oder eben gerade). Abends wurde uns dort erstmal ordentlich aufgetischt. Wir lernten unseren örtlichen Betreuer Jacek kennen, der sich fortan um alles kümmern musste, was wir auf dem Herzen hatten (zum Beispiel eine Bassdrum organisieren, was ihm aber nicht so recht gelang. Plate aber zum Glück schon). Als studierter Politikwissenschaftler und nunmehr städtischer Beamter hatte er schon schwierigere Aufgaben gemeistert, denke ich. Etwas förmlich verlief das Bankett, an dem auch die serbischen und rumänischen Kollegen und Kolleginnen teilnahmen, allerdings an anderen Tischen; wir wurden sauber voneinander ferngehalten, keine Ahnung, ob man plötzlich und unvermittelt aufflammende Aggression, Hass oder aber Begierde fürchtete. Jedenfalls wurden wir hierbei auch mit der schlesischen Küche vertraut gemacht, also satt. Überhaupt kann man behaupten, dass sättigende Nahrung in der von uns besuchten Gegend offenbar noch sehr ernst genommen wird. Dass zwei von uns kein Fleisch essen, war zum Glück im Vorfeld schon bekannt gegeben worden, führte aber hier und da dennoch offenbar zu gewissem Kopfzerbrechen und zeigte damit auch, wie wenig vertraut man mit dem Konzept des Etwas-nicht-essen-Wollens in Polen möglicherweise derzeit noch ist.

Nach einer eher ruhelosen Nacht, die auf die schon am Freitag hohen Temperaturen zurückzuführen war, erwartete uns ein noch heißerer Samstag (34 Grad). Polenkenner Heyl merkte hierzu an, dass wir es in dieser Weltregion mit kontinentalem Klima zu tun hätten, was kalte Winter und heiße Sommer bedeute. Nun ja, was soll ich sagen, die Hitze war geradezu erdrückend. Glücklicherweise hatten unsere Betreuer für diesen Vormittag eine erfrischende Sause auf den nahegelegenen Höhenzug vorgesehen. in der seilbahn

Nichtsdestotrotz blühte uns natürlich am Nachmittag noch ein Auftritt in der in jeder Hinsicht überhitzten Altstadt, nach einem Mittagessen in einem dort gelegenen Bistro, das es verstand, sich auf vorteilhafte Weise noch etwas von dem nüchternen Charme der kommunistischen Ära zu erhalten. Der Marktplatz war voller Leben, und man hatte eine riesige Bühne mit allem Pipapo aufgebaut, auf der wir uns austoben sollten. Hervorragende Techniker zauberten uns in Minutenschnelle einen idealen Sound, vor der Bühne saßen auf aufgereihten Holzbänken diverse zum Teil erheblich alkoholisierte und zum Teil außerordentlich betagte Zuschauer, die unserem Beitrag wohlwollend lauschten. Ich persönlich war ja auf dieses Experiment, vor Publikum zu spielen, das unsere Sprache nicht beherrscht, ziemlich gespannt; ist es doch häufig so, dass man behauptet, unsere Musik sei nur bei hundertprozentig akkurater Sprachverständlichkeit wirklich gut, wohingegen ich stets behaupte, dass Musik eben nicht nur Text sei und wir auch musikalisch einiges zu bieten haben. Wollte ich in erster Linie verbale Botschaften senden, würde ich ja nur Essays schreiben, oder halt Kolumnen oder wie auch immer man das nennen will. Songs schreibe ich aber in erster Linie aus einer musikalischen Leidenschaft heraus. Zu einem guten Song goutiere ich meist auch möglichst ansprechende Lyrik, deswegen mache ich nicht nur Instrumentalmusik. Das polnische Publikum jedenfalls bestätigte eher meine These, dass die Platemeiercombo auch ohne Kenntnis textlicher Inhalte zu unterhalten versteht. Entsprechend lockerte uns der erste Auftritt auch auf, weil er uns klar machte, dass wir das hier so bringen konnten.
live am ersten abend
backstage heyl meier fritz

Abends wurde dann gefressen. Für die Vegetarier gab es zu den Pommes und Bratkartoffeln in Ermangelung einer besseren Ideee Kartoffelpuffer. Machte aber nichts, denn es war vorzüglich gekocht und natürlich ausgesprochen nahrhaft. Dazu gab es selbstgebrautes Bier in mehreren Varianten, das man selbst zapfen durfte.
nachtschwüle stadt
Da man uns anschließend sofort wieder ins Hotel karren wollte, wir aber das lebendige Treiben auf dem sommerschwülen Marktplatz noch etwas aufsaugen wollten, fuhren wir mit dem für uns organisierten Bus nicht mit, was Jacek kurzfristig in Panik zu versetzen schien, da er uns offenbar nicht zutraute, mit dem Taxi zum Hotel zurückzufahren. Keine Ahnung, was uns auf Fremde so doof wirken lässt. Die Taxifahrt war übrigens ganz unproblematisch, obwohl wir eigentlich einer zu viel waren. vier mann im taxifond

Am nächsten Morgen war dann eine Schlossbesichtigung geplant, die Meier und Fritz allerdings verschliefen. Der Rest von uns hastete durch das Gebäude den sichtlich uninteressierten Rumänen und Serben hinterher. Anschließend teilte man sich auf; während Plate und ich uns von Jacek bei einem kleinen Statdrundgang über die bewegte Geschichte Bielsko-Bialas aufklären ließen, schloss sich Heyl den jungen Rumänen und Serben an, um Paintball zu spielen. Sichtlich verschämt gestand er uns später auf Nachfrage, dass er das martialische Spiel gewonnen habe, nach dem Motto “der Deutsche hat mal wieder alle abgeballert.” Von diesem Vormittag gibt es keine Fotos, da als Fotograf ja der noch komatöse Fritz fungierte.

Am Nachmittag war dann wieder Konzert angesagt, und wir hatten einige gute Vorsätze: weniger langsame Lieder spielen, absoluten Enthusiasmus ausstrahlen, grinsen wie die rumänsichen und serbischen Volkstanzgruppen. Es gelang. Das Publikum reagierte mit Bravo-Rufen, und wir hatten wieder einmal etwas dazugelernt, das es nunmehr gilt, nicht gleich wieder zu vergessen.
live am zweiten abend

meier action

shake it heyl

sing bloß ordentlich platedie gesamtsituation

Nach getaner Arbeit wurde dann gemeinsam gefeiert, diesmal mit etwas offiziellerem Anstrich: auch der Bürgermeister von Bielsko sowie die Wolfsburger Offiziellen-Delegation, die mit dem Flugzeug angereist war und in einem gediegeneren Hotel logierte, nahm teil. Die Wirte fuhren mal wieder tierisch auf, es wurden bei abgedunkelter Saalbeleuchtung riesige Schweinebraten, in denen Feuerwerk abgefackelt wurde, präsentiert. Dazu gab es Lammbraten. Vegetarier bekamen Fisch (echte Vegetarier allerdings, wie Meier einer ist, essen natürlich auch solchen nicht. Aber wie soll ich sagen – die Beilagen waren allemal nahrhaft genug.). Einige der Rumänen fiedelten dann noch ordentlich was, wozu ein spaßiger Tanzreigen begann. Es begann tatsächlich, Partystimmung aufzukommen. Aber natürlich hieß es dann vollkommen unvermittelt, dass nun die Busse führen. Wir fragten uns: Wohin mit der gelösten Stimmung, mit dem Wissen um das bestandene Abenteuer, der bierseligen Laune? Schließlich hatte man uns kurz zuvor darüber informiert, dass in den Bieren jeweils auch ein Wodka gewesen sei, so dass unser Vorsatz, heute nur ein paar Bierchen zu trinken, ohnehin aufs Eulenspiegelhafteste ad Absurdum geführt worden war. Vor der Eingangstreppe des Hotels hockten wir nun und konnten nicht ins Bett. Für diesen Fall hatten wir keine Vorsorge getroffen. Anders die Berliner Swingexperten unter der Führung des 84-jährigen Horst “Papa” Hentschel, die solche Situationen auf der Basis jahrzehntelanger Erfahrung zu antizipieren wussten und eine Kiste Bier bereit hielten. Sie gaben uns netterweise davon was ab, so dass wir noch ein bisschen feiern konnten und mir die Hoteltreppensituation eigentlich als die Schönste des ganzen Trips in Erinnerung geblieben ist. letzter abend vor hotel

letzter abend vor hotel2

Je nun, der Montag führte uns dann nur noch müde, aber bereichert und dauerkartenspielend zurück in die deutsche Realität. Wenn wir dürfen, werden wir diese Reise gern noch einmal unternehmen.

abschied von papa hentschel

meier und sein berliner amtskollege

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