Ich krieg Ohrensausen

Neuerdings scheint es in Bezug auf Musik, oder zumindest Gesangsdarbietungen, nur noch ein einziges, dafür aber notwendiges und hinreichendes Qualitätskriterium zu geben: Hat der Hörer eine Gänsehaut bekommen oder nicht? Ich frage mich, wieso ausgerechnet Gänsehaut? Wieso nicht Schluckauf? Nasenbluten? Durchfall? Spontanes Erbrechen? „Du“, könnte man sagen, „das hast du so schön gesungen, ich habe richtig Sodbrennen!“ Hauptsache, überhaupt eine physiologische Reaktion, oder? Bei negativen, aber auch in positiven Zusammenhängen auftretenden, vegetativen Phänomenen fallen mir noch ein Herzrasen und Schweißausbrüche.

Klar, auch ich habe manchmal Gänsehaut bekommen, wenn ich Musik besonders toll fand. Bei Gesangswettbewerben im Fernsehen, wo das neue Qualitätskriterium offenbar geprägt wurde, tritt diese Reaktion aber oft schon bei den allerbanalsten Schnulzen auf, die dann automatisch gut sein müssen, oder jedenfalls besonders gut dargeboten, da sie bei jemandem so etwas auslösen konnten. Da nun heute sicherlich weniger die Kritiker, die früher ja vor allem durch Sachverstand ihre Funktion erarbeitet hatten, sondern irgendwelche Prominenten, die nicht mal unbedingt mit der Materie vertraut sein müssen, die offiziell gültigste Meinung zu einem Gesangsvortrag abgeben müssen, ist es wenig verwunderlich, dass ein x-beliebiges Kriterium bemüht wird, um alles, was es zum Thema Qualität zu sagen gibt, damit zu erschlagen. Dabei fände ich eine Sängerin, die es jedesmal schaffte, dass ich Nasenbluten kriegte, doch mindestens genauso gut. In der Regel wird auch von irgend jemandem etwas dazu geäußert, ob alle Töne richtig waren, oder ob ein falscher dabei war. Das interessiert aber im Grunde niemanden, da die physiologische Reaktion das letzte Wort hat. Vorerst. Das allerletzte Wort haben natürlich immer die Verkaufszahlen. Wer viel verkauft, hat immer Recht, also Qualität abgeliefert. Da macht es dann auch nichts mehr und kann somit nicht in die Waagschale geworfen werden, wenn viele sich spontan erbrechen mussten.

Eine differenzierte Qualitätsbewertung gängiger Popmusik ist aber auch gar nicht so einfach. Einige strukturelle Merkmale gelungener Kompositionen sind beispielsweise nicht mehr üblich. Der Genuss an einem wirklich gut komponierten Musikstück ist den Menschen heute offenbar weniger wichtig als früher, die Leute wissen unter Umständen gar nicht, was sie versäumen, wenn sie lediglich darauf achten, ob sie bei einem Musikstück innerhalb der ersten 30 Sekunden eine Gänsehaut bekommen; aber so etwas in der Art haben die Alten ja auch schon immer gesagt. Die Jungen genießen eben anderes; ich bin mir auch selbst nicht sicher, ob mir mit 13 an meinen Lieblingssongs besonders gut gefiel, dass sie zwei Höhepunkte hatten: einen kleinen kurz nach der Hälfte und einen großen kurz vor Schluss. Dabei ist mittlerweile wissenschaftlich erwiesen, dass gerade dann besonders viele Glückshormone im Gehirn ausgeschüttet werden, logischerweise unabhängig von Musikstil und Inhalten. Diese Produktion körpereigener Rauschmittel kann aber halt auch nur derjenige erleben, der sich Musikstücke ganz anhört, idealerweise mehrmals. Um dem Reinzappenden eine Gänsehaut zu verschaffen, müssen andere Merkmale erfüllt sein, z.B. der Bruch mit einer zuvor aufgebauten harmonischen Erwartung, der nachweisbar zu einer Dopaminausschüttung führt. Eine harmonische Erwartung lässt sich eventuell schon in so kurzer Zeit wie 30 Sekunden aufbauen und brechen, ich glaube aber ehrlich gesagt gar nicht mal unbedingt, dass die Gänsehauthaber im Fernsehen solch komplexe Prozesse in ihren Hirnkästen bemühen, um etwas ganz toll zu finden. Zudem sollen ja auch meist nicht die Kompositionen, sondern der Vortrag bewertet werden. Was möglicherweise hilft, ist ein gewisses Maß an Dummheit des Rezipienten, weil man mit dieser schon auf so einfache Sachverhalte wie „Song wird mit großer emotionaler Beteiligung gesungen“ erregt reagieren könnte, also auch physiologisch fühlbar mit z.B. Gänsehaut oder vermehrtem Speichelfluss (letzteres besonders auch dann, wenn sich bestimmte optische Merkmale des/der Vortragenden hinzugesellen).

Und schon wieder komme ich ins altväterliche Meckern; dabei habe ich eigentlich gar nichts gegen die Hörgewohnheiten anderer Leute. Es gibt ja auch welche, die gar keine Musik hören und stattdessen lieber Stabhochspringen anschauen, soll ich mich etwa darüber ärgern? Nein, liebe Freunde, das wäre absolut sinnlos, aber deswegen muss ich mir ja trotzdem nicht so ein paar Gedankengänge verbieten, oder?

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