Schwarze Psychologie zur dunklen Jahreszeit

Oh, es ist wieder Herbst, wie schön! Nach Frühling und Sommer, vielleicht aber sogar noch vor Sommer, eine der schönsten Jahreszeiten. Einzig der Winter vermag selten zu begeistern. Das Schlimme am Herbst ist, dass danach der Winter kommt. Es steht somit nichts Gutes zu erwarten. Der notorisch grüblerische und pessimistische Autor dieser Zeilen findet das nur mal wieder typisch und quält sich schon lange, bevor es soweit ist, mit düsteren Vorahnungen. Eigentlich ganzjährig, könnte man sagen. Ich fahre auch nicht gern in Urlaub, weil mir immer am ersten Tag schon klar ist, dass ich bald wieder nachhause muss. Je besser mir ein Urlaubsort gefällt, umso schlimmer. Vielleicht ist ja deswegen auch die Nörgelkultur soweit verbreitet – es ist allemal besser, selbst in der leckersten Suppe noch ein Härchen zu finden, als eine hundertprozentige Begeisterung zuzulassen, die unweigerlich zum Absturz in düstere Depression führen wird, wenn der Teller leer ist. Mich überzeugt auch die Mär vom Glück durch positives Denken nach dem Beispiel „das Glas ist halb voll“ nicht. Ja, jetzt ist es noch halbvoll, aber nach dem nächsten Schluck schon nicht mehr! Beruhige ich mich also fünf Sekunden mit dem Gedanken, dass ja noch die Hälfte da ist, kriege ich doch danach erst recht Panik, demnächst auf dem Trockenen zu sitzen. Da sage ich mir doch lieber gleich: So, es ist mal wieder wie immer, in Kürze ist alles vorbei, was will man machen? Egal, könnte eh besser schmecken. Man mag dem entgegenhalten, dass es schöner sei, zwischen großer Freude und tiefer Verzweiflung zu schwanken, als durchgehend mittelmäßig schlecht gelaunt zu bleiben. Aber wer will das entscheiden? Hat man überhaupt eine Wahl bezüglich eigener Wahrnehmung und Empfindung?

Interessanterweise sind es eben jene Glücksphilosophen, die vom halbvollen Glas sprechen, die für unangenehme Situationen das Mantra „auch das geht vorüber“ parat haben. Mir scheint, die drehen sich alles so hin, wie sie es gerade brauchen. Hier sind doch Wissenschaftlichkeit, nüchterne Ratio und daraus induzierte allgemeingültige Modelle der Wirklichkeit gefragt! Als Anhänger der Philosophie der Flüchtigkeit alles Existierenden habe ich jedenfalls den Vorteil, den Winter als bald vorübergehendes Übel akzeptieren zu können, muss dann aber gerechterweise auch in Kauf nehmen, mich schon im Frühling vor dem nächsten Winter zu fürchten. Umgekehrt darf der Anhänger des ewig scheinenden Augenblicks, in dem er voll und ganz aufgeht, sich dem Leid nicht dadurch entziehen, dass er sich mit der Flüchtigkeit desselben beruhigt, sondern muss voll und ganz dem Schmerz erliegen, so sind nun mal die Spielregeln. Sonst ist das doch alles Augenwischerei und inkonsequentes Getue! Kleine Kinder und Tiere machen es ja so. Wenn es keine Vorstellung von Zeit gibt, erscheint eben jeder Moment ewig. Für mich kommt das inzwischen aber nicht mehr infrage, insbesondere da ich mit zunehmendem Alter zu dem Schluss komme, dass die Mehrheit der Momente es eigentlich nicht wert ist, von mir wie eine Ewigkeit empfunden zu werden. Ohnehin ist es ja leider meist so, dass die qualvollen Situationen uns länger erscheinen als sie sind, ganz im Gegensatz zu den Glücksmomenten. Einfaches Beispiel: Ein Zehnminuten-Song kann schnell vorbeigehen, wenn er gut ist, andernfalls aber auch eine unerträgliche Pein bedeuten. Hier sind wir mal wieder beim Thema Zeitwahrnehmung angelangt, über das ich früher schon mal schwadronierte. Da ich nun auch wieder auf dieses Sujet stoße, liegt doch der Schluss nahe, dass viele Dinge, die sich um menschliches Erleben und unterschiedliche Sichtweisen drehen, am Ende in erster Linie Fragen der Zeitwahrnehmung sind. Vielleicht sogar alle! Somit liegt auch der Schlüssel zu Weisheit, Reichtum, Ruhm, Gesundheit körperlich und seelisch, Liebe und Glück in der Zeitwahrnehmung. Wir könnten versuchen, uns in dieser Richtung zu manipulieren, vermutlich ließe sich damit viel erreichen. Es gibt ja auch eine ganze Menge Möglichkeiten dazu, zum Beispiel bewusstseinsverändernde Drogen einwerfen, Meditationsübungen (kommen einem gerade zu Anfang oft unendlich lang vor) oder dauerhaft Musik hören, gute oder schlechte, je nachdem, ob man die gefühlte Zeit gerade verlängern oder verkürzen will. Was, es scheint dir eine absurde Vorstellung zu sein, beim Geschlechtsakt eine Helene-Fischer-Platte aufzulegen, nur damit die angenehme Situation subjektiv länger dauert? Du hast aber auch gar keine Phantasie! Man muss eben manche Dinge einfach mal konsequent bis zu Ende denken, dann kommt man zu solchen bahnbrechenden Schlussfolgerungen. Immerhin kann sicherlich keiner behaupten, mit diesem Vorgehen schon schlechte Erfahrungen gemacht zu haben, oder? Falls doch, lasst es mich wissen, ich wäre bereit, eine wissenschaftliche Analyse der mir dann vorliegenden Ergebnisse vorzunehmen.