Urlaubsnotizen

Warum wird eigentlich der Hörgenuss vertieft, wenn man sich an einem Strand befindet, man in allen Richtungen bis zum Horizont blicken kann, der Himmel entsprechend weit erscheint und man per Kopfhörer Musik hört, und sei es auch nur mit einem billigen mp3-Player? Ich befinde mich derzeit zum wiederholten Male an so einem Ort und habe in den letzten Tagen festgestellt, dass Werke von so unterschiedlichen Künstlern wie Billy Idol, David J, Dennis Wilson, Gravenhurst, Robin Guthrie mit Mark Gardener, Kaltmiete, Ludovico Einaudi, Drug Cabin, Murder At The Registry, Max Eider, Lana Del Rey, Baxter Dury, Jan Hammer und Müller & die Platemeiercombo ungeahnte Ekstasen hervorrufen können, die noch weit darüber hinausreichen, was man ohnehin schon bei ihnen empfand, wenn man sie in dieses Ambiente verlegt. Versteht man Musik besser, wenn Kopf und Herz offen und frei sind? Zweifellos. Und sind Kopf und Herz offen und frei, wenn man in einer offenen und freien Umgebung ist? Möglicherweise.

Und hier kommen wir zu einem Zirkelschluss, der die ganze Sache interessant macht: Um nämlich das Gefühl der Offenheit und Freiheit, das sich durch den Anblick der Landschaft aufdrängt, dingfest zu machen, zu manifestieren und erinnerbar werden zu lassen, höre ich passende Musik. Oder das, was ich vorher für eventuell passend befinde. Dann stelle ich fest, dass weit mehr Musik passend ist, als ich dachte, und höre noch ganz andere Sachen. Die Eindrücke, die die Umgebung vermittelt, bekommen den Stempel mal von sonnigem Rock und mal von schwermütiger Songwriterkunst aufgedrückt. Landschaft und Musik erhöhen sich gleichsam gegenseitig, erstere wird zu mehr als Sand und Wasser, letztere zu mehr als Tonfolgen und Rhythmus. Und alles passiert im Kopf!

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Ich stelle fest, dass Baxter Dury doch ein größeres Genie ist, als ich bisher angenommen habe.

Natürlich funktioniert dies in jedwedem Ambiente, insbesondere sind auch Geisteszustände und Stimmungslagen sowie allgemeine Lebensumstände entscheidend, die von der Musik vermittelten Gefühle zu kanalisieren und mit persönlichen Bedeutungen zu versehen, das ist ja hinlänglich bekannt. Faszinierend finde ich aber vor allem die subjektiv wahrgenommene Verbesserung des Gehörten unter den momentanen Bedingungen. Alle oben genannten Künstler wurden von mir in den letzten Tagen im Geiste schon als Genies bezeichnet (sogar ich selbst). Ich werde mir das merken. Denn wenn ich z.B. das nächste Mal auf einer nervigen Autofahrt zwischen zwei stressigen Stationen unveröffentlichte Outtakes von Billy Idol nur ganz gut finde, kann ich mich daran erinnern, zu was selbst diese Songs im richtigen Rahmen in der Lage sind. Wahrscheinlich gibt es sogar irgendeinen mir bislang unbekannt gebliebenen Rahmen, in dem ich Lieder von Roger Whittaker mögen würde. Ich muss danach aber nicht forschen, war ich doch immer ganz zufrieden damit, alles, was der Mann abgesondert hat, entsetzlich zu finden (obwohl unser letztes Album bei Spotify als Schlager eingestuft wird).

Man könnte jetzt natürlich dafür plädieren, dass jeder, dem man eine bestimmte Musik (z.B. die eigene) näher bringen möchte, doch einfach mal nach den richtigen Umständen suchen möge, unter denen er sie dann schon genial finden wird, beispielsweise erstmal an die Küste fahren (bei manchen Musikrichtungen muss man schon auch dieselben Drogen konsumieren wie die Künstler, um überhaupt die Chance für einen Zugang zu haben). Ich halte dies jedoch für verfehlt, da der kritische Blick durch einlullende Atmo ernstlich gefährdet werden kann – wie gesagt befürchte ich, dass man jedweden Mist unter irgendwelchen Bedingungen gut fände. Oder anders gesagt: Wenn jemand unsere Songs beim Schuften auf einer stinkenden Müllhalde hören und trotzdem gut finden würde, wäre dieses Lob mir besonders viel wert. Es ist dennoch empfehlenswert, Musik, die man sowieso schon irgendwie mag, mal an einen besonders reizvollen Ort, der Kopf und Herz öffnet, mitzunehmen, und dann wieder ganz neu zu erleben. Für mich jedenfalls gehört das zu den Erfahrungen, die ich im Leben besonders schätze, weswegen ich immer wieder hohe Summen dafür einsetze, sie machen zu können.2015-05-05_11-39-02_875

Unser  neues Album kommt hier besonders gut. Also erst hierher fahren, Probehören und dann Kaufentscheidung fällen.